[Kolumne] Nach München: Ballerspiele erneut im Visier

[Kolumne] Nach München: Ballerspiele erneut im Visier

Nach dem Amoklauf von München geraten erneut sogenannte Ballerspiele in das Visier der Politik.

[Kolumne] Nach München: Ballerspiele erneut im Visier

Wir schreiben Freitag den 22. Juli 2016, es ist gegen 18 Uhr und erste Eilmeldungen über Schüsse in Nähe des Olympia-Einkaufszentrums machen sich breit. Was zunächst – wie sollte es in der Welt, in der wir aktuell leben auch anders sein – nach einem Terroranschlag, sei es von Rechts, islamistischen Fundamentalisten oder sonstigen Gestalten, aussah, entpuppte sich tags darauf als Amoklauf eines Einzeltäters. Eines nach aktuellen Ermittlungsstandes psychisch kranken jungen Mannes, der anscheinend mit Depressionen sowie Mobbing in der Schule umgehen musste.

Doch anstatt diese in der Gesellschaft leider noch immer als Tabuthema stilisierten Krankheiten zu debattieren, dominieren noch immer die Worte „Ballerspiele“ und „Killerspiele“ die Schlagzeilen. Erneut wird nach einer solch schrecklichen Tat das Klischee des gewaltverherrlichenden Gamers herangezogen und solche Spiele als DER Grund für eine solche Bluttat herangezogen. Und das obwohl neueste Studien bereits belegen, dass durch das Spielen sogenannter Ballerspiele kein Einfluss auf den geistigen Zustand des Gamers feststellbar sei.

Politik geht gegen „Killerspiele“ vor

„Ich fürchte, dass sich inzwischen In vielen Köpfen die Logik von Killerspielen festgesetzt hat. Als ich das Video des Münchener Attentäters gesehen habe, hatte ich sofort diese Assoziation. Und die Reaktionen sind ja auch entsprechend: Wir richten mal tüchtig Schaden an, und dann drücken wir auf Neustart, und alles kann von vorn losgehen. Ich frage mich schon lange, was die Mechanik dieser Spiele in den Hirnen der Leute anrichtet,“ so die CDU-Politikerin Regina Görner auf Facebook am Tag nach dem München-Attentat.

Auch der Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat am Samstag nach der Tat in seiner Ansprache Killerspiele als die große Problematik ausgemacht und wünscht sich eine stärkere Debatte um das Thema. Laut de Maizière sei eine schädliche Wirkung dieser Spiele auf Jugendliche sei „nicht zu bezweifeln“, wie er bei einer Pressekonferenz in Berlin sagte. Bereits nach dem Amoklauf von Winnenden 2009 diskutierten Journalisten und Politiker über Monate über ein Killerspiel-Verbot. Dies „droht“ nun erneut.

Reaktion eines Gamers

In einer ersten Reaktion habe ich mir als Gamer gedacht, was das nur wieder für eine populistische Scheiße – entschuldigt bitte meine Wortwahl – ist. Und ja, immer wenn ein Jugendlicher sich zu solch einer Tat getrieben fühlt, wird man diese sogenannten Ballerspiele bei ihm finden. Wie aber auch Comics, Action-Filme und andere Dinge, die ein Jugendlicher typischerweise besitzt und an denen nichts Verwerfliches gefunden werden kann.

Videospiele immer wieder als scheinbar alleinigen Sündenbock heranzuziehen ist gelinde gesagt der Weg des geringsten Widerstandes und sicherlich eine bequeme Lösung das Verhalten eines solchen Täters zu „entschuldigen“. In Wahrheit sind aber die Gründe für eine solche Tat viel komplexer und auch in unserer Gesellschaft zu suchen. Kombiniert man einen jungen Menschen mit psychischen Problemen, einem weiten Umfeld, das ihn offenbar nicht ernst nimmt und sogar mobbt und der Tatsache, dass er sich einfach nicht verstanden und einsam fühlt, dann ergibt sich ein Pulverfass, das nur durch frühe Erkennung der Problematik gelindert werden kann. Nicht jedes dieser „Pulverfässer“ führt schließlich zu einem solchen Amoklauf. Aber auch ein „einfacher“ Suizid eines solchen jungen Menschen ist etwas was es zu verhindern gilt.

Und dies kann aus meiner Sicht nur gelingen, in dem man das Thema Depression, Mobbing und psychische Probleme in unserer Gesellschaft nicht mehr als einfach Hirngespinste abtut oder denjenigen hinstellt als wäre doch alles gar nicht so schlimm oder ihn deswegen sogar noch auslacht. Es muss eine breite Aufklärung der Gesellschaft über diese psychischen Krankheiten her, die bereits in der Schule beginnen kann.

Die wahren Fragen

Letztendlich könnte man dem Bundesinnenminister auch unterstellen, dass er bewusst von der Frage ablenken möchte, wie ein 18-jähriger an eine illegale Waffe und über 300 (!!) Schuss Munition kommen konnte. Denn diese Frage ist aus meiner Sicht eine Kernfrage in der Suche nach einem Warum! Wäre dieser junge Mann nie an eine Waffe gekommen, wäre es dann vielleicht nie zu dieser Bluttat gekommen, bei der neun unschuldige Opfer viel zu früh aus ihrem Leben gerissen wurden und trauernde Familienangehörige hinterlassen?

Stattdessen gibt man Videospiele die Schuld an der Gewalt. Und aus objektiver Sicht kann man sicherlich nicht verneinen, dass auch Videospiele eine gewisse Rolle gespielt haben könnten. Doch sicher nicht die tragende Rolle, die ihnen die Medien und leider auch die Politik immer wieder zuschieben möchte. Die Spieleindustrie sollte dennoch dieses Attentat zum Anlass nehmen und nochmals in sich gehen und vielleicht gemeinsam mit der Politik die Sachlage analysieren. Vielleicht nützen bereits strengere Kontrollen, dass Spiele entsprechend ihrer USK-Freigabe nicht an Unbefugte verkauft werden. Oder eine neue Altersstufe „ab 21 Jahren“. Wer weiß, aber bei all dieser Diskussion dürfen die wahren Hintergründe der Tat nicht vergessen werden. Denn nur wenn man die Gesellschaft endlich über das Thema Depression und alles was dazu gehört aufklärt, dies kein Tabuthema mehr ist und Menschen mit dieser Erkrankung geholfen werden kann, wird sich eine Bluttat wie sie in München stattgefunden hat, verhindern lassen.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass über dieses Thema zu schreiben, sehr viel Kraft gekostet hat. Die Tat macht mich noch immer sehr traurig, auch da der ein oder andere Bekannte in München und Umgebung zu Hause ist. Die Gedanken sind noch immer bei den Angehörigen der Opfer. Dennoch ist es wichtig nicht in Aktionismus zu verfallen und eine Diskussion an falscher Stelle zu initiieren, wie es Herr de Maizière gerne tun würde und vielleicht auch von seinen eigenen Verfehlungen – Stichwort illegale Waffe – ablenken möchte.

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